Frankreich 2015

Frankreich 2015
Pyrenäen Canigou-Massiv

Sonntag, 21. August 2022

Wandern auf dem Wasserweltensteig: August 2022

Wohin soll es dieses Jahr im Urlaub gehen? 

Angesichts der unsicheren Pandemielage und einer drohenden Inflation mit steigenden Lebenshaltungskosten eine spannende Frage. Noch einmal richtig auf den Putz hauen, bevor die kälteren Tage anbrechen? Oder lieber auf kleiner Flamme kochen und in Deutschland bleiben? Viele entscheiden sich für einen Urlaub im Lande. Wir auch.   

Sabine wollte schon immer mal für einige Tage am Stück wandern, aber ohne Gepäck. So kam sie auf den Wasserweltensteig im Südostschwarzwald. Sechs Tagesetappen von Triberg nach Schaffhausen, das Gepäck wird immer in die neue Unterkunft nachgeliefert.


Der Veranstalter

Wir haben uns kurzfristig entschieden und wollten es bequem, deshalb haben wir die Tour bei einem Veranstalter gebucht: original Landreisen aus Freiburg.


Die Tour

Die einzelnen Etappen sind auf der Webseite vom Wasserweltensteig beschrieben. Ich habe sie hier mit den Überschriften jeweils verlinkt. Im Folgenden also unsere ganz privaten Eindrücke (plus Fotos).


Die Tour beginnt
an den Triberger Wasserfällen, die selbst bei wenig Wasser für Schwarzwald-Verhältnisse recht eindrucksvoll sind. Auf dem anfangs ansteigenden Weg zum Kolmenhof in der Nähe von Furtwangen kommt man noch am Blindensee, einem Hochmoor vorbei: 


Sie endet schließlich nach 12 km an der Donauquelle, genauer: der Quelle der Breg. Insgesamt waren ca. 400 Höhenmeter zu überwinden.


Die zweite Etappe ist mit 24 km deutlich länger. Sie führt recht unspektakulär an der Linach entlang und endet nach dem Passieren einer bemerkenswert konstruierten Talsperre am Bernreutehof, kurz vor Hammereisenbach. Gleich zu Beginn erreichten wir mit 1131m auf dem Brend den höchsten Punkt der Tour überhaupt. Von nun an gings bergab.




Die dritte Etappe führt uns vom Bernreutehof wieder zur Breg, der wir ein Stück folgen, um dann  durch einen lichten Wald, ohne nennenswerte Steigungen, nach 14km zum Kirnbergsee in Unterbränd zu gelangen. Von dort müssen wir mit dem Bus ins benachbarte Bräunlingen fahren, wo wir übernachten. 


"Wasserwelt" war an diesem Tag im Wesentlichen ein Trampelpfad durch ein Feuchtbiotop (in diesem Sommer trocken) hoch oben auf dem Berg, ein Stück die Linach entlang, ein Stückchen jungfräulicher Breg und der kleine Stausee mit Bademöglichkeit, Campingplatz etc. am Ende der Tour. 


Die vierte Etappe war im ersten Teil die schönste überhaupt. Auf schmalen Pfaden in der Gauchachschlucht ermöglicht sie trotz der Länge von 24 km eine angenehme und beeindruckende Wanderung. 


Sie führt bis zur Mündung in die Wutach, die sich aber im folgenden als ein recht langweiliges Flüsschen entpuppte. 
Immerhin konnten wir dort ein überraschendes Kunstprojekt der Natur finden.


Eigentlich endet die Wanderung in Achdorf, aber wir mussten hinauf nach Blumberg, wo unser Hotel war. Der Weg führte uns zu einem kleinen Wasserfall  (Schleifenbachklamm), der uns einiges abverlangte, um diese Art von "Wasserwelt" zu meistern. Unter anderem war auf kurzer Strecke mittels einer 8 Meter hohen Leiter und einem Zickzacksteig ein Höhenunterschied von ca. 200 m zu überwinden.

Die fünfte Etappe führt von Blumberg stramm hinauf auf den Buchberg, um den Buchberg herum und auf dem Höhenzug des Randen in die Schweiz, anfangs immer wieder mit Blick auf die Sauschwänzlebahn, die wir auch mehrfach kreuzen. 






Wasser haben wir eigentlich keines gesehen. Die Strecke war mit 20 km wieder recht lang, ging aber abwechslungsreich durch den Wald bis zum Alprestaurant Babental. Leider war zu diesem Termin kein Zimmer frei. Wir wurden vom Veranstalter der Tour mit dem Taxi abgeholt und nach Blumberg zurückgebracht. 

Die sechste und letzte Etappe führte über 14 km weiter auf dem Höhenzug des Randen nach Schaffhausen. An diesem Tag überquerten wir die unspektakuläre Grenze zur Schweiz.


Mit dem Taxi sollten wir aber zuerst zum Alprestaurant Babental gebracht werden (mehr dazu weiter unten im Text). 
Am “Siblinger Randenhaus” hatten wir dann einen wunderschönen Blick auf die Schweizer Alpen. 


Die letzte "Wasserwelt" war dann der Rheinfall, der sich gewissermaßen als Reinfall entpuppte. (Nicht die Wasserwelt, aber die Wasserweltbesucher; auch dazu mehr unten im Text).


Der Wasserweltensteig begann und endete also mit einem Wasserfall.

 Sechs Tage und 110km!

Aus unerfindlichen Gründen gab es am Wochenende vom 12. bis 14. August keine Unterkunft in der Schweiz. Deshalb zwei Übernachtungen in Blumberg und die letzte Übernachtung nicht in Schaffhausen, sondern in Bad Säckingen. Dort haben wir eine zusätzliche Nacht gebucht, um nicht an einem Sonntag mit Gepäck in überfüllten Regionalzügen nach Triberg zurückfahren zu müssen. Ich bin am Sonntag alleine mit der Bahn nach Triberg gefahren und habe unser Auto geholt. Die Fahrt mit der Bahn dauerte vier Stunden, von Bad Säckingen über Singen nach Triberg, Die Schwarzwaldbahn ist zur Zeit zwischen Hausach und Sankt Georgen unterbrochen (Reparatur der Schienen - zur Hochsaison!) und deshalb werden Busse zwischen den beiden Orten eingesetzt. 

Eindrücke und Beobachtungen

Hotels und sonstige Unterkünfte

Das schönste Hotel war definitiv der Kolmenhof an der Donauquelle, am Ende der ersten Etappe. Super Service, schöne Unterkunft mit Balkon, tolles Abendessen und Frühstück. Fast ebenso gut war das Hotel Lindenhof in Bräunlingen. Total abgefallen dagegen ist der Bernreutehof. Dort scheint die Zeit in den 60er Jahren stehen geblieben zu sein.

Das Hotel in Bad Säckingen (Ringhotel Goldener Knopf) hätte auch perfekt sein können, was Service, Lage und Ambiente angeht. Aber unser Zimmer war im Erdgeschoss und die Fenster öffneten zu einer Gasse, so dass man wenig Licht hatte und Samstag Nacht manchen Spätheimkehrer hören konnte.

Vier Städte bzw. Städtchen: Triberg, Bräunlingen, Blumberg, Schaffhausen, Bad Säckingen.
Schaffhausen an einem Sonntag ist eine mittlere Katastrophe. Absolut überlaufen von Besuchern, vorwiegend aus Indien und Spanien. In der Nähe des Wasserfalls versammeln sich Bausünden, auch Investorprojekte genannt, von beeindruckender Dominanz. 

In Triberg und Bad Säckingen, also in Hotspots, findet man im Ortszentrum leerstehende ehemalige Kaufhäuser und Hotels von einiger Trostlosigkeit, die von vergangener Größe zeugen. In Triberg hat man versucht, dem Ort einen modernen Charakter zu verleihen. Das ging gründlich schief.

Unser Ort soll schöner werden. Hat leider nicht geklappt: Triberg

Dagegen scheint in Kleinstädten wie Bräunlingen, die etwas abseits liegen, die Welt noch in Ordnung zu sein.
Bräunlingen Stadttor

Bad Säckingen an einem Sonntag wimmelt von Schweizern, die den günstigen Wechselkurs zu einem abendlichen Restaurantbesuch nutzen. Es war recht schwierig, noch irgendwo einen Platz zu bekommen - alles reserviert! Am Sonntag Abend dann nur halb so viel Gedränge.

Was Triberg angeht, die trostloseste Stadt auf unserem Weg, hat uns die erstaunlich hohe Zahl von spanischen Touristen überrascht. Völlig rätselhaft.
Auch ist die Hotellerie dort stark rückläufig, man trifft fast nur Tagestouristen.

Personalmangel
Generell auffällig war: Außer am Kolmenhof klagten alle über fehlende Servicekräfte. In Bad Säckingen konnte das Hotel das Restaurant nur mit eingeschränkten Reservierungen öffnen, weil es an Personal in der Küche mangelt. Im Bernreutehof musste die alte Besitzerin ran, Personal hat sie nur noch für die Zimmerpflege. In Blumberg konnte die Küche nur warmes Büffet am Abend anbieten, kein Menü a la Carte. Manche Hotels haben im Restaurant oft drei Ruhetage in der Woche. Nur Frühstück gibt es immer.

Hilfsmittel

Wir hatten ein ulkiges Erlebnis. Weil es am Ziel der 5. Etappe in der Schweiz keine Unterkunft gab mussten wir zweimal in Blumberg im Hotel Hirschen übernachten. Wie wurden vom ursprünglichen Ende der 5. Etappe, dem Alprestaurant Babental (bei Schleitheim) mit dem Taxi abgeholt und wieder nach Blumberg gebracht. Der Fahrer verfuhr sich prompt in der Schweiz, aber mit einigen kleinen Retouren kamen wir wohlbehalten im Hotel an. 
Am nächsten Morgen sollten wir wieder nach Babental gebracht werden, aber das Mercedes-Navi des Taxis führte den Fahrer absolut in die Irre und wir strandeten irgendwo im Wald, wo er nicht mehr weiter konnte. Mit meinem Komoot-Wander-Navi konnte ich ihm zeigen, wo wir sind und wie er zur nächsten befahrbaren Straße kommen kann. Er war sehr peinlich berührt ob des Missgeschicks, aber für uns war es kein Problem, weil wir quasi auf dem richtigen Weg zum Ziel Schaffhausen waren.
Ob der Fahrer, ein junger Russe, jemals wieder nach Blumberg gefunden hat, wissen wir allerdings nicht. 🤭😰


Obwohl wir auch ausgedruckte Karten der einzelnen Abschnitte hatten - sie stehen als PDF auf der Website von outdooractive.com zum Download bereit - haben wir auf den Etappen als Hilfsmittel fast ausschließlich die Daten von Komoot benutzt. Die gpx-Daten der einzelnen Abschnitte habe ich mir per Download auf mein Handy geladen und offline zugänglich gemacht. Ich brauchte unterwegs dann nur noch Zugang zum Satelliten und wusste so jederzeit, wo wir uns auf der Etappe befinden, ohne dass zusätzliche Datenkosten anfielen. Gerade in der Schweiz, wo die Roamingkosten hoch sind, ein unschätzbarer Vorteil.

Die einzelnen Etappen kann man in der Originalversion hier einsehen: Klick

Resümee: Eine gelungene Tour - mit einem Vorbehalt

Unser Resümee ist eindeutig: Auch wenn es durch die Trockenheit bedingt nicht all zu viele “Wasserwelten” zu sehen gab, ist der “Wasserweltensteig” für geübte Wanderer eine erholsame und abwechslungsreiche Tour, die uns in keiner Weise überforderte. Sie ist im Übrigen gut ausgeschildert, auch in der Schweiz, wenn auch nicht so penibel wie auf deutscher Seite*. Manche Strecken führen über breite Wirtschaftswege, was dann sehr langweilig ist. Aber es wird auch immer wieder davon weg und zu Aussichtspunkten geführt, so dass sich die Langweile in Grenzen hält. “Steig” im eigentlichen Wortsinn ist der Weg nur an sehr wenigen Stellen. Für einen Alpenwanderer sicher keine Herausforderung, für einen Küstenbewohner vielleicht eher.

Die Unterkünfte waren in der Regel hervorragend und die Tour durch den Veranstalter bestens organisiert. Wir hatten einen ausformulierten Reiseplan mit vielen Tipps zur Hand, uns fehlte nichts. Der Gepäcktransport und alles andere klappte. Nie gerieten wir in Stress.

Der Service des Veranstalters muss natürlich bezahlt werden. Und, wie man weiß, ist Service in Deutschland teuer. Sabine meinte: “Für den Preis hätten wir auch eine Woche Urlaub auf den Malediven machen können.” Aber ohne das gewisse Schwarzwaldfeeling, ergänze ich.

Eine Frage blieb unbeantwortet: Wir haben auf der ganzen Strecke immer wieder viele Heidelbeerstöcke links und rechts des Wegs gesehen. Aber keine einzige Frucht. Wo sind die Heidelbeeren geblieben? Meine Vermutung: Ursache ist die diesjährige Trockenheit. 


So, das war's. Danke für's Lesen. Vielleicht ist mein Beitrag eine Anregung für euch!


* In der FAZ vom 18.8.2022 ist ein informativer Artikel zum Thema "Wanderwege und Beschilderung" erschienen. Ihm entnehme ich, dass es vor allem ein engagierter Wanderer war, der in Deutschland hohe Standards zur Auszeichnung von Wanderwegen durchsetzte, der Physiker (!) Rainer Brämer aus Marburg.
Er entwickelte einen 45 Punkte umfassenden Kriterienkatalog, der akribisch definiert, wie hoch der Anteil befestigter Wege idealerweise sein soll (,,maxi mal 1200 Meter am Stück und nicht mehr als 15 Prozent der Gesamtstrecke"), wie die Landschaft (,,mindestens zwei Formationswechsel auf sechs Kilometern") und wie die Zeichen (,,Beruhigungsmarkierung spätestens alle 200 Meter").
Quelle: Thomas Klein: Von Premium-Trails und tristen Pfaden. FAZ vom 18.8.2022, S.31; leider (noch) nicht online.