Frankreich 2015

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Pyrenäen Canigou-Massiv

Samstag, 21. Oktober 2023

Étretat #4: Ein zweiter Besuch von Le Havre - und anderswo

Erst bei unserem zweiten Besuch in Le Havre haben wir uns vorgenommen, den Tipps von Hilke Maunder zu folgen und uns die kulturelle Seite der Stadt näher anzusehen. Das sind vor allem das Musée Malraux (MuMA), die Musterwohnung Perret,  das ist eine Musterwohnung im Stil des modernen Wiederaufbaus der 50er Jahre und die Hängenden Gärten von Saint Adresse.  


Das Museum beherbergt eine beeindruckende Sammlung von Gemälden vor allem französischer Impressionisten wie Claude Monet, Camille Pissarro, Gustave Courbet, Edgar Degas und Édouard Manet, darunter auch ein von uns sehr geschätztes Bild eines Ortes, den wir bei unseren früheren Besuchen in der Normandie immer wieder aufgesucht haben: Les Falaises de Varengeville, 1897 (ein Motiv, das bei ihm immer wieder auftaucht): 


Aber auch moderne Maler wie Paul Gauguin und  Raoul Dufy  sind vertreten, letzterer mit Bildern aus dem Nachlass der Witwe des Künstlers.
Offizielle Webseite des Museums: Klick   

Leider konnte die Musterwohnung von Perret nur nach Anmeldung besucht werden und für die Hängenden Gärten fehlte dann die Zeit.
Offizielle Website der Musterwohnung Perret: Klick 

Die Brücke!


An einem dritten Tag ohne Strandwetter fuhren wir mit dem Auto nach Honfleur. Was für mich ein absolutes Highlight war, war für Sabine eher ein Horror: die Fahrt über die Pont de Normandie. 
Sabine: Lieber nicht noch einmal.

Honfleur


Wir spazierten am Sandstrand von Honfleur entlang, schlenderten ein wenig durch die Stadt und landeten schließlich im Erik-Satie-Museum. Im Geburtshaus des Musikers wurde ein wirklich verrücktes kleines Museum zu seinen Ehren eingerichtet, das uns sehr viel Spaß gemacht hat




So einen schönen Sandstrand wie in Honfleur hätte man auch gerne in Etretat.


Wer hätte das gedacht: Im Hintergrund die Mündung der Seine in den Ärmelkanal und die neuen Docks von Le Havre (Anklicken zum Vergrößern!)

Wanderungen


Natürlich nutzten wir die Tage auch für die eine oder andere Wanderung. Gleich am zweiten Tag fuhren wir mit dem Bus nach Fecamp und wanderten oberhalb der Steilküste auf dem nationalen Wanderweg GR 21 zurück nach Étretat. An anderen Tagen, wenn es zu kühl für ein Bad im Meer war, machten wir Rundwanderungen, z.B. von Vatteport nach Yport und im großen Bogen zurück (s.o.) oder besuchten den Leuchtturm am Cap d’Antifer.  
Um ehrlich zu sein: Ein spannendes Wandergebiet ist die Küste nicht gerade. Dafür gibt es doch zu wenig Abwechslung.


Als es einmal heftig regnete, sind wir nach Fécamp gefahren, um das Musée des Pêcheries zu besuchen.  

Dort erhielten wir einen interessanten Einblick in die Fischerei und das Leben der Fischer von Fécamp. Wussten Sie, dass die Fischer von Fécamp bis Anfang der 70er Jahre vor der Küste Neufundlands Kabeljau fischten und dafür wochenlang unterwegs waren? Oder dass so mancher Fischer in der heimischen Küche kleine Briefe im Geschirr versteckte, um seiner Frau die Zeit der Trennung zu erleichtern? Das Museum bietet einen faszinierenden Einblick in diese Welt und ist ein Muss in der östlichen Normandie.
Mehr zum Museum auch hier: Klick

Ende der Saison: Leere Straße, leerer  Strand am Abend

Anfang September leerten sich die Gassen von Étretat zusehends, die ersten Restaurants schlossen, und Madame meinte, jetzt kämen nur noch deutsche und französische Großeltern mit ihren Enkeln, denn die Schulen seien noch geschlossen, aber der Urlaub der Eltern vorbei.
Ein gewisses Urlaubsgefühl des Monsieur Hulot macht sich breit:



✲


Am letzten Tag in Étretat regnet es. Wie nett.

Mit Bip&Go und mit 130 km/h Höchstgeschwindigkeit auf der französischen Autobahn ging es dann entspannt zurück nach Hause.
Bis zum nächsten Mal. Gerne wieder!


Ein Nachtrag

In diversen Foren auf Facebook zum Thema Frankreich - Frankreichurlaub etc. wird immer wieder sinngemäß die Frage gestellt: "Kann man als Tourist in Frankreich ohne Französischkenntnisse überleben?"
Ja, man kann, selbst mit rudimentären Kenntnissen der wichtigsten Höflichkeitsfloskeln wie Bon Jour, Excusez-moi,..., Pardon, Je ne parle pas français und schließlich dem Nonplusultra: Pardon, Je ne parle pas français, parlez-vous anglais? Englisch wird fast überall verstanden und ein höfliches Bonjour, Pardon oder Merci öffnet fast immer alle Türen. Das ist unsere Erfahrung aus vielen Urlauben in Frankreich. Ich selbst habe noch eine ganz besondere Beziehung zur französischen Sprache, die ich vor einigen Jahren hier und dort vorgestellt habe. Viel Spaß damit!

Samstag, 14. Oktober 2023

Etretat #3: Ausflüge

Was wir nicht besucht haben: Orte des D-Day! 

Nicht wenige Besucher der Normandie, vor allem aus den USA und Großbritannien, interessieren sich vor allem für die Orte, die im Zweiten Weltkrieg Geschichte geschrieben haben. Dazu gehören die westliche Normandie und die Halbinsel Cotentin, Schauplatz der Invasion im Juni 1944 (“D-Day”).



Wir waren nicht dort. Alte Panzer, Geschütze und Soldatenpuppen in sauberen Uniformen interessieren uns nicht. Im Übrigen gibt es in der Region genügend eindrucksvolle Beispiele deutscher Architektur der vierziger Jahre, siehe Foto.

Erlebnis Le Havre: die Stadt -  die Kirche - HLM

Der Tag beginnt ruhig - wir fahren mit dem Bus nach Le Havre - für sage und schreibe 2€ pro Person.
Ich habe mir von ChatGtp einen Bericht über die städtebauliche Besonderheit von Le Havre schreiben lassen, der mich aber nicht überzeugt hat (wer will, kann ihn hier nachlesen). 


Bei Hilke Maunder heißt es: 
Von Auguste Perret wieder aufgebaut als Ikone einer lebenswerten Stadt, modern, funktionell, hell und licht: Le Havre hat im Laufe seiner Geschichte viel erlebt.
Grund genug für einen Besuch.

Als ich meinem Sohn die ersten Fotos schicke, ist er eher irritiert:


  • Grässlich. Wo ist das denn???

  • 25. Aug., 20:00


  • Gibt’s den Begriff „Orwellian“ auch für Architektur?


Wie kam’s?

Le Havre wurde im Krieg als kriegswichtiger Hafen von der  deutschen Wehrmacht verteidigt und schließlich von der englischen Luftwaffe weitgehend zerstört.
Der alliierte Angriff begann am 5. September 1944. Nach schweren tagelangen Luftangriffen der Royal Air Force, zum Teil unterstützt durch Schiffsartillerie, wurde Le Havre am 12. September 1944 eingenommen. Die Stadt war insgesamt 132 Bombenangriffen ausgesetzt worden, wobei der massivste vom RAF Bomber Command am 5. und 6. September 1944 geflogen wurde. Dieser kostete 5000 Menschen das Leben, zerstörte 12.500 Gebäude und machte 31.000 Einwohner obdachlos. Die Stadt wurde zu etwa 80 % zerstört.


Sofort nach Kriegsende wurde mit dem Wiederaufbau der Stadt begonnen. Wenn man es genau nimmt, wurde eine völlig neue Stadt geplant. Einen anschaulichen und informativen Fernsehbericht dazu findet man in der Mediathek der ARD:
Le Havre Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg, Frankreich, Folge 335 - SWR Fernsehen.

Madame (unsere Vermieterin) erzählt uns, dass die neuen Häuser hauptsächlich für den sozialen Wohnungsbau bestimmt waren, sogenannte HLMs (Habitation à loyer modéré).   
Das können wir kaum glauben, vor allem die Wohnungen direkt an der Küste sehen alles andere als “Sozialwohnungen" aus. Aber in anderen Teilen der Stadt, vor allem im Zentrum, scheint es zu stimmen: Im Erdgeschoss Geschäfte aller Art und in den oberen zwei bis vier Stockwerken jeweils Wohnungen. Eine Stadt, so schien es mir, die noch nicht von der Gentrifizierung erfasst wurde. Aber mein Einblick war zu oberflächlich, weil zu kurz, um das wirklich beurteilen zu können.

Die großen Straßen im Zentrum sind alle aufs Meer bzw. auf den Hafen ausgerichtet und machen die Stadt licht- und luftdurchlässig. Eine angenehme Entspanntheit ist zu spüren.
Wir sind dann auch ein zweites Mal hingefahren, um mehr von der Kultur der Stadt mitzubekommen. Dazu später mehr.


Sehenswertes



Sichtbares und unübersehbares Wahrzeichen der Stadt Le Havre ist die nach dem Krieg von Auguste Perret entworfene Kathedrale. 
Das Gebäude, das von außen und aus der Ferne wie ein New Yorker Wolkenkratzer der zwanziger Jahre aussieht, erschlägt den Besucher von innen mit der Wucht seines Sichtbetons, der im Französischen nicht ohne Grund béton brut/roher Beton genannt wird, und dessen Assoziation zu brutal nahe liegt.




Docks Vauban

In der Nähe des Bahnhofs SNCF befinden sich Lagerhäuser des alten Hafens, die heute einem neuen Zweck dienen.
Hilke Maunder schreibt: 
Das Besondere am Bau: Der Architekt, 2005 mit dem Grand Prix de l’urbanisme ausgezeichnet, erhob das historische Bauerbe zum prägenden Stilelement und kontrastierte es spannungsreich mit der Moderne – poppigen Glasmosaiken am südlichen Entrée, weiß leuchtenden Sitzkuben und lyrischen Wandbildern. Er schuf so eine maritime Poesie, mythisch, verspielt, phantastisch.



Stimmt alles: Aber dennoch waren wir enttäuscht, denn das Warenangebot umfasst genau jene Ketten, die man überall in Frankreichs Städten findet und die wir auch in Deutschland “kennen und lieben gelernt haben”. Zum Beispiel LIDL. (BILD zum Vergrößern anklicken!) 

Offizielle Website: Klick

Kurioses

Im Hafen von Le Havre gibt es Haie! 

(We genau hinsieht - auf das Bild klicken -  sieht zwei Exemplare!) 

Aber weder Nilgänse noch Kanadagänse gehen den Besuchern auf die Nerven. Welch ein Glück. 


Bei diesem ersten Besuch haben wir uns einfach treiben lassen. Vom Bahnhof und den Docks zum alten Hafen und zum Strand. Wir sahen den riesigen Containerschiffen beim Auslaufen zu, beobachteten die Möwen und ließen uns immer wieder von der Kulisse der Stadt beeindrucken. 
(Die Möwenkinder haben nach unserer Beobachtung Rabenmütter bzw. Rabenväter. Sie laufen dem Elternteil piepsend hinterher, werden aber immer schnöde abgewiesen.)
 
✲

Vom Strand gings durch die hellen Straßen der Stadt in ein Café und schließlich zurück zum Bahnhof, von wo uns der Bus wieder nach Étretat brachte. 
Wir waren uns einig: Wir kommen wieder!
 

Sonntag, 24. September 2023

2023 Étretat #2: Alltag, Routinen und Kultur

Wir waren uns lange unschlüssig, wohin die Reise in diesem Jahr gehen sollte. “Hauptsache ans Meer” war die Devise. Irgendwann im späten Frühjahr fand Sabine dann ein Angebot in der Normandie. Eigentlich wollten wir noch weiter westlich in die Bretagne, aber dort waren die Ferienwohnungen für die Zeit Ende August immer noch extrem teuer. Nur in der Normandie fand Sabine ein annehmbares Angebot bei Fewo-direkt.de. (Die Wohnung findet sich aber auch bei anderen Anbietern.) Der E-Mail-Kontakt mit den Vermietern war auch gleich sehr angenehm, so dass wir gut gelaunt in den Urlaub fuhren. 


Die Normandie kennen wir von mehreren Aufenthalten in Dieppe, die wir immer sehr genossen haben. Auch wenn das Wetter nicht zum Baden einlud, gab es immer interessante Ausflugsziele, die mit dem Auto gut zu erreichen waren. Die Normandie ist eine sehr alte Kulturlandschaft.

Wo wir wohnten


Dieses Jahr sollte es also Étretat sein, ein beliebtes Reiseziel an der Kanalküste, wie bereits im ersten Teil beschrieben. Die Wohnung befindet sich im Dachgeschoss eines älteren, mehrstöckigen Gebäudes aus dem Jahr 1860, das im letzten Jahrhundert auch als Hotel diente und in dem damals berühmte Tennisstars wie René Lacoste wohnten. Die Lage ist zentral, aber nicht direkt im Zentrum. Der nächste Bäcker für frische Croissants war 5 Minuten zu Fuß entfernt (es gibt mindestens drei akzeptable Boulangerien vor Ort!).
Wir haben uns sehr wohl gefühlt.

Gemütliches Wohnzimmer, kleine Küche und kleines Bad

Alltag in Étretat: Einkaufen, Essen, Reisen

Die Preise für Lebensmittel sind in Étretat (in Frankreich?) durchweg höher als in Deutschland.  Nur bei den Croissants ist Frankreich unübertroffen. Für 1,15 € bekommt man wunderbar duftende, buttrige Teilchen, wie man sie in Deutschland nur sehr selten findet. Sie werden direkt in der Backstube hinter dem Laden hergestellt und frisch in die Auslage gelegt.

Die Cafés und Restaurants verlangten zum Teil saftige Preise. So habe ich für einen halben Liter Bier in einem Straßencafé schon mal 8€ bezahlt. Überhaupt war der Besuch eines Restaurants, einer Crêperie in Étretatnicht einfach. Manchmal ist es nicht möglich zu reservieren, man muss einfach vor der Tür warten, bis Plätze frei werden und das noch bevor das Restaurant um 19 Uhr öffnet. Der Andrang ist regelmäßig sehr groß und es gilt das Windhundprinzip. Manchmal ist es an einem Tag geöffnet und am nächsten ohne Angabe von Gründen geschlossen. Der Grund ist vermutlich Personalmangel. Ein Problem, das man auch aus Deutschland kennt. 
Das Essen ist aber meist sehr ordentlich, vor allem in den Crêperien. Für Vegetarier (oder gar Veganer) ist die Auswahl ansonsten sehr begrenzt, denn besonders beliebt und zahlreich sind natürlich Restaurants mit einer großen Auswahl an Fisch, Muscheln und Krustentieren.

Auffällig ist: Überall, in Geschäften, Restaurants, Cafés, Tankstellen und Museen wird mit der Bankkarte (unserer bekannten “EC-Karte”) bezahlt! Im Supermarkt gibt es den Kassenzettel oft nur auf ausdrücklichen Wunsch. Wenn jemand an der Kasse bar bezahlt, kann man sicher sein, dass es sich um einen deutschen Touristen handelt.
Was jeden Supermarkt auszeichnet, selbst im kleinen Étretat: Man bekommt hier Produkte, die man in Deutschland selbst in Spezialitätengeschäften nur selten sieht, zum Beispiel meinen Lieblingskäse in der Version "Au Lait Cru":


Zum Schluss noch eine große, sehr angenehme Überraschung. Alle Busfahrten in der Region kosten nur 2 € pro Fahrt und Fahrgast, manchmal sogar nur 1,55 €. Selbst für die 50 km von Étretat nach Le Havre zahlte jeder von uns nur 2 € für die einfache Fahrt.

Wir nutzten dieses Angebot und unternahmen mehrere Busfahrten.

Aktivitäten

Das Wetter ist in der Normandie immer so lala, wie selbst die Normannen und Norfrauen finden:



Es finden sich aber immer Tage, an denen man im Meer schwimmen kann und es gibt viele Buchten, in denen man ein ruhiges Plätzchen findet. 

An zwei Tagen sind wir zu einem etwas weiter entfernten Strand gelaufen, haben uns in die Sonne gelegt und das Meer genossen.
(Für mich gab's kosten- aber nicht folgenlos einen Sonnenbrand dazu.)

(Wie man sieht: Der Strand ist steinig, eine isolierende Decke ist empfohlen!)

An den Nicht-Badetagen bietet die Region viele Möglichkeiten für Besucher. Anregungen findet man (natürlich, wo sonst?) auf den Seiten von Hilke Maunder, z.B. Alabasterküste.




Wir haben die Gelegenheit genutzt und sind viel an der Küste entlang gewandert und abends haben wir den Tag immer mit einem Spaziergang am Wasser beendet.




(Fortsetzung folgt: Le Havre u.a.)


Donnerstag, 14. September 2023

2023 Étretat #1



Wie bitte, Étretat in der Normandie?  Ausgerechnet Étretat? Das kann doch nicht wahr sein. Die verstörenden Schlagzeilen gingen doch erst vor kurzem durch die Presse! 

Touristen überrennen französisches Dorf Étretat
Étretat in der Normandie wurde dieses Jahr in die Fodor's No List aufgenommen. Darin listet der amerikanische Reiseführer Orte auf, die Touristinnen und Touristen besser nicht mehr besuchen sollten. Der enorme Andrang von Reisenden bringt die berühmte französische Steilküste in Gefahr und verstärkt ihre Erosion. Die Stadt und das Département suchen nach Wegen, Tourismus nachhaltiger zu gestalten.

Das Städtchen hat ein Problem


Étretat ist mit 1.200 Einwohnern ein eher kleiner Ort an der französischen Kanalküste. In der Saison kommen täglich Tausende von Besuchern und auch außerhalb der Saison Hunderte von Franzosen, vor allem aus dem nahen Rouen und dem nicht weit entfernten Paris.
Das können wir bestätigen. Auch wir waren Ende August dort.
Tagsüber war in Étretat eigentlich immer viel los: Tagestouristen und Camper aus aller Herren Länder, vor allem aus Spanien, Italien und Holland, zogen schon morgens ab 10 Uhr in langen Kolonnen vom nahen Busparkplatz und anderen Parkplätzen im Südwesten in die Stadt. Und immer wieder versuchten optimistische Wohnmobilfahrer in den engen Gassen den Weg zum kleinen Strandparkplatz zu finden.
Ganz neu ist das allerdings nicht. Mehr dazu weiter unten.

Ein Blick zurück


Claude Monet, 1883

Viel gemalt von Monet (s.o.), Courbet  und anderen Impressionisten, wurde Étretat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der angesagtesten Badeorte. Prachtvolle Villen entstanden, bewohnt u.a. von Maupassant, Jacques Offenbach und anderen Prominenten der französischen Gesellschaft, sprich: der Pariser Geistes- und Finanzwelt.
Heute ist Étretat neben dem Pariser Eiffelturm der wohl meistfotografierte Ort Frankreichs, was vor allem an den beiden imposanten Felsen links und rechts des Kiesstrandes liegt. L’Aiguille vor der Porte d’Aval und kaum weniger besucht, bestaunt und fotografiert: die Falaise d’Amont. Vor allem »Sonnenuntergang mit Felsen« war schon damals ein beliebtes Motiv (siehe oben).
Auch bei uns:


Wo kommen die Touristen her? 


Die am häufigsten gehörten Fremdsprachen während unseres Aufenthaltes im August waren Italienisch und Spanisch. Wir hatten mit allem gerechnet, aber nicht damit.
Am zweiten Abend hatten wir ein längeres Gespräch auf Englisch mit der Vermieterin der Ferienwohnung (Mutter Engländerin aus Kent, Vater aus Étretat). Sie bestätigte den Verdacht meines Sohnes, dass der starke Zustrom von Italienern, Spaniern und sogar Japanern im August ein Effekt der Arsène-Lupin-Serie auf Netflix sei! Im Juni und Juli kämen Deutsche und Holländer, im August Franzosen und Liebhaber der Netflix-Serie auf den Spuren von Arsène Lupin. 


Das ehemalige Haus des Autors der Arsene-Lupin-Romane, Maurice Leblanc, wurde zu einem Museum ausgebaut, in dem man mit Audioguide auf den Spuren des Autors wandeln kann.

Maison Maurice Leblanc

Von Gordito1869 - Eigenes Werk, CC BY 3.0, 

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15216205



Doch wie kam es zu den Protesten gegen den Touristenansturm? Lesen Sie, was Madame meint:

Klassenkampf in Étretat 


Madame kommentierte die Zeitungsartikel über die (angeblich unzumutbare) Belastung Étretats durch die Touristen folgendermaßen: Es seien die neuen Besitzer aus Paris und Rouen, die neue Bourgeoisie, die sich hier eingekauft hätten, um von zu Hause aus zu arbeiten oder die Sommersaison zu verbringen (wie im 19. Jahrhundert!). Sie lancierten solche Berichte. Die einheimische Bourgeoisie (Geschäftsinhaber wie Bäckereien, Cafés und Restaurants) hingegen ist auf den Tourismus angewiesen und die Geschäfte liefen in den letzten Jahren sehr schlecht, teilweise mit hohen Umsatzeinbußen. Die Saison dauert nur zwei bis drei Monate, in dieser Zeit muss das Geld für den Rest des Jahres verdient werden. Mit der Fischerei lässt sich in Étretat (und anderswo) kein Geld mehr verdienen.

Die soziale Spaltung des Ortes in Einheimische einerseits und wohlhabende Dauergäste - vor allem aus Paris und Rouen - mit eigenen Häusern und Villen im Ort andererseits reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.
Madame erzählt von Familien in Étretat, deren Frauen und Töchter über Generationen hinweg während der Saison für immer dieselben reichen Bürgerfamilien arbeiteten. Die Männer waren Fischer, die Frauen waren Dienstmädchen.


Der Strand war durch das Kasino streng getrennt. Im Westen arbeiteten die Fischer, im Osten, getrennt durch den Strand und einen Bach, wuschen die Frauen die Wäsche der wohlhabenden Pariser. Verständigung war nur durch Zuruf möglich, ein Überqueren der Grenze, quer über den Strandbetrieb am Casino, war für die Einheimischen nicht erwünscht.

Das ist heute undenkbar. Aber die soziale Spaltung ist in neuer Form wieder da.

Jacques Offenbach



Unsere kleine Ferienwohnung liegt in der Rue (Jacques) Offenbach. Offenbach hatte nämlich seit 1858 ein Haus in Étretat, die »Villa Orphée«, und verbrachte viele Jahre die Sommermonate dort. Berühmt wurde er für seine rauschenden Feste mit Freunden wie Georges Bizet, Ludovic Halévy und Gustave Doré.  

Beim Bayerischen Rundfunk gibt es einen schönen Beitrag über den Komponisten und seinem Aufenthalt in Étretat.
DAS LEBEN DES JACQUES OFFENBACH (2)
ORPHEUSVILLA AM HÜGEL
Nicht nur seine Freunde dienten ihm als Testmaterial für seine Werke, auch die Bevölkerung im Ort wurde immer wieder zu Proben eingeladen und im Haus bewirtet. Ob die Begeisterung für Musik oder die den Besuchern kostenlos gereichten Brioches und die heiße Schokolade den Ausschlag für einen Besuch bei Offenbach gaben, bleibt allerdings ungeklärt.
Auf jeden Fall gilt noch heute: Jacques Offenbach gehört zu 
Étretat.

Das Haus von Jacques Offenbach, noch 2014 im Zustand des Verfalls, ist wieder zugänglich:


Leider haben wir es versäumt, einen Blick darauf zu werfen.

Deutsch-Französische Geschichte(n)



Auch über den Zweiten Weltkrieg wusste Madame Interessantes zu berichten: Nach dem Waffenstillstand 1940 bestand die deutsche Besatzung hauptsächlich aus älteren Offizieren und Mannschaften, die in der Etappe wenig auffielen und sich ruhig verhielten. Für die Stadt war das durchaus von Vorteil, auch wenn die Lebensmittelversorgung mit den Jahren immer schwieriger wurde. Selbst der Abzug der deutschen Besatzer im September 1944 wurde bürokratisch ordnungsgemäß abgewickelt. Der deutsche Stadtkommandant gab alle Schlüssel der vorübergehend beschlagnahmten Häuser und Villen im Rathaus ab. (Meine unbestätigte Vermutung: gegen Quittung.) Und kurz nach dem Abzug war der Vorkriegsbürgermeister sofort wieder im Amt - er hatte die Besatzungsjahre im Untergrund verbracht. Madame vermutet, in 
Étretat.


Madame erwähnt aber auch, dass die Nazis systematisch die Kunstschätze des Ortes plünderten. In manchen beschlagnahmten Häusern hingen Bilder der Impressionisten, die zu ihrer Entstehungszeit für wenig Geld an Einheimische gingen und dann unter der Besatzung gesucht und geraubt wurden. Sie konnte jedoch nicht sagen, was nach dem Krieg mit ihnen geschah.

Aus der Zeit der Besetzung sind auch einige unübersehbare Exemplare »deutscher Bauhaus-Architektur« übrig geblieben. -:)


Größere Probleme gab es nach dem Krieg, als Étretat zum »Zwischenlager« für englische, amerikanische und kanadische Soldaten wurde, die über Le Havre nach Hause zurückgeschickt wurden. Zeitweise, so Madame, waren Tausende alliierter Soldaten in Zelten am Stadtrand untergebracht und warteten auf ihre Heimkehr.


Da die Soldaten buchstäblich alles leer kauften, war die Versorgung des Ortes selbst nicht mehr gewährleistet und es herrschte große Not. Leerstehende Bürgerhäuser wurden geplündert und teilweise bis auf die Mauern zerstört, weil es in den Zeltlagern an Heizmaterial fehlte. 

Davon ist heute, fast 80 Jahre später, natürlich nichts mehr zu sehen.
Étretat ist heute ein ganz normales, attraktives  normannisches Dorf mit vielen Touristen in der Saison und eher wenigen in den übrigen Monaten.

Étretat, 1. September 2023, 19:00 Uhr

Eine Seite zu weiterführenden Infos über Étretat und die Normandie, speziell zur Alabasterküste, ist schon fertig und kann hier gelesen werden: Klick



Montag, 7. November 2022

Herbsturlaub im November



Herbstferien - in Baden-Württemberg immer Ende Oktober oder, wie dieses Jahr, gar Anfang November.
Wir machen dennoch einen kurzen Wanderurlaub - jedes Jahr um diese Zeit. "Stützpunkt'' ist immer das “Hotel Peterle” in Altglashütten-Falkau. Unser Programm ist sehr schlicht: Tagsüber wandern, abends feines Abendessen mit teuren Wein. Am ersten Tag machen wir gleich nach der Ankunft einen längeren Spaziergang zum Windgfällweiher und von dort am Schluchsee entlang nach Schluchsee-Ort. Zurück geht es mit der Dreiseenbahn, die wir mit der Schwarzwald-Gästekarte kostenlos nutzen können.
Soweit Routine.In diesem Jahr wandern wir etwas weiter entfernt vom Peterle. Die Anreise erfolgt jeweils mit dem Auto.

1. Tour

Bei schönem Wetter geht es von St. Märgen nach St.Peter und über den Panoramaweg an den nördlichen Hängen des Tals zurück nach St.Märgen.

St. Peter – St. Märgen – St. Peter  Rundwanderung
Die Tour bietet wunderschöne Ausblicke in die Täler ringsherum, auf das entfernte Feldbergmassiv und auf den Schauinsland.


Zum Wanderziel eine Anmerkung.
Jeder Nachkriegsdeutsche kennt den Ort St. Peter mit seiner barocken Klosterkirche aus dem Film “Schwarzwaldmädel” - dem ersten deutschen Farbfilm nach dem Krieg. Ein großer Erfolg damals. Die Titelmelodie sang mir manchmal meine Mutter vor. Schon immer wollte ich diesen Ort meiner Kindheitserinnerung besuchen.
Mehr Info zum “Schwarzwaldmädel” gibt es hier:
Sehenswert ist auch der Filmtrailer: Schwarzwaldmädel

Die zweite Wanderung -

ebenfalls mit wunderschönen Blicken auf “Täler weit und Höhen”  - führte uns von Breitnau über die Fahrensberger Höhe zum Naturfreundehaus Breitnau und schließlich wieder zurück zum Startpunkt. 
Vogesen, Kaiserstuhl und Schwarzwald im Blick.

Tour Runde von Breitnau. Feldbergblick – Blick zum Kandel mit St. Peter Runde von Breitnau

An schauriger Stelle vorbei führte uns der Weg auf die Weißtannenhöhe.

Der 4. Tag
brachte Regen. Wir nutzten die Gelegenheit zu einem Ausflug nach Riehen bei Basel und nach Weil am Rhein.
In Riehen besuchten wir die Fondation Beyeler. Sie überraschte uns mit einer Präsentation von Skulpturen des amerikanischen Künstlers Duane Hanson.   Vor Jahren sahen wir Werke des Autors im Museum Frieder Burda in Baden-Baden  

Die Figuren von Duane Hanson finden immer viel Aufmerksamkeit bei den Besuchern!



(Hansons Figur: Links)


Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gab es eine Ausstellung zum Thema Hello, Robot. - Design zwischen Mensch und Maschine 
zu besichtigen. Wir taten das.

(Finde Sabine!)

Die Fondation Beyeler und das Vitra Museum sind zwei Ziele, die wir in den letzten Jahren regelmäßig besucht haben.

≪∾≫

Während der schönen Herbsttage im Schwarzwald sind uns viele Tiere auf unseren Wegen begegnet.
Merkwürdig geschmückte Rinder:


Neugierige Ziegen:

Einmal wurde mir sogar ein Vogel gezeigt. Am letzten Tag in einer als Einkaufszentrum getarnten Touristenfalle in Bärental.

Aber ohne die Abende im “Peterle” wäre der Urlaub nicht halb so schön. 


Danke, Peterle!